Offene Standards für Übertragungslösungen in der Aufzugsbranche

06.10.2025 | von Joachim Klingler

Wir brauchen offene Standards
für Übertragungslösungen in der Aufzugsbranche

Das treibt uns an

In einer globalisierten Welt, in der wenige große Akteure zunehmend ihre Macht- und Einflusspositionen ausbauen, ist es besonders wichtig, dass wir uns als Mittelstand in der Aufzugstechnik aktiv für freie und offene Lösungen einsetzen. Mit diesem Statement möchte ich unsere Positionen, Erfahrungen und Bestrebungen zu diesem wichtigen Thema teilen. Zusätzlich gehe ich jeweils kurz auf unsere Umsetzung bei Telegärtner Elektronik ein, denn Standards werden insbesondere dann relevant, wenn sie in der Praxis angewendet werden.

Mit wachsenden Anforderungen – etwa durch zunehmende digitale Vernetzung, wachsende Cyber-Bedrohungen und immer umfangreichere regulatorische Vorgaben wie RED, Data Act und Cyber Resilience Act – werden die erforderlichen Lösungen zwangsläufig immer komplexer.

Wir sind überzeugt: Der einzige nachhaltige Weg, diesen Herausforderungen zu begegnen, sind Formen der Zusammenarbeit auf Augenhöhe, die sich für offene Standards einsetzen und diese auch gemeinsam in die Praxis umsetzen. Nur so können wir universelle Lösungen schaffen, die langfristig Bestand haben – mit Support, Updates, Weiterentwicklungen, modularen Architekturen und universeller Konnektivität. Es geht heutzutage nicht um die einmalige Anschaffung eines Geräts, sondern um tragfähige und integrierte Gesamtlösungen, die dauerhaft sicher betrieben werden und dadurch Mehrwerte schaffen.

Notrufübertragung

Aktueller Stand der Technik: P100 über VoLTE

Die Übertragung von P100 (oder anderen tonbasierten Protokollen) z.B. per VoLTE ist der aktuelle Stand der Technik für die Notrufübertragung. VoLTE hat sich in der Praxis als gute Ersatzlösung für die GSM-Netze bewährt, deren Abschaltung in Deutschland 2028 geplant ist. Wichtig ist in diesem Zusammenhang ein Remote-Monitoring der Geräte sowie die Möglichkeit, die Firmware von Übertragungsgerät und Mobilfunkmodul per sicherem Fernzugriff aktualisieren zu können. Somit können Auffälligkeiten oder Probleme unabhängig vom Sprachkanal erkannt und behoben werden.

Bei Telegärtner Elektronik bieten wir mit den Notruftelefonen der XT- und XS-Serie Unterstützung für das P100- und das Telegärtner-Protokoll. Zur Übertragung bieten wir mit dem IPG 141 und dem IPG 140 Gateways nach dem oben beschriebenen Stand der Technik, wobei wir für das Cyber-Security-Konzept die IEC 62443-4-2 einbeziehen. Mit der TGE Cloud ermöglichen wir ein Monitoring und Fernkonfiguration der Lösungen.

Wurde nicht zum Standard: Aufzugnotruf per VdS SecurIP

VdS SecurIP ist eine Weiterentwicklung des VdS 2465-1 Protokolls und erfüllt die Anforderungen der DIN EN 50136-1. Das Protokoll erfüllt erhöhte Anforderungen an Integrität, Vertraulichkeit und Verfügbarkeit und setzt u.a. ein dreistufiges Verschlüsselungsverfahren um.

Es gibt im Protokoll aber keine standardisierten Meldungstypen für den Aufzugnotruf nach DIN EN 81-28 und auch die Behandlung der zusätzlich benötigten Sprachübertragung ist leider nicht enthalten. Derzeit gibt es kaum Alarm-Empfangszentralen für Aufzugnotruf, welche das Protokoll unterstützen. Außerdem ist das VdS-Protokoll auf den deutschen Markt limitiert, was es als globalen Standard disqualifiziert.

Es gibt momentan keine Anzeichen für eine relevante Unterstützung von VdS SecurIP am Markt - übrigens wurde im aktuellen Entwurf der DIN EN 81-28:2025-09 das “Notrufsystem” zu “Zwei-Wege-Kommunikationssystem” umbenannt, u.a. um nicht in den Geltungsbereich der DIN EN 50136-1 zu fallen.

Wir bei Telegärtner Elektronik haben sehr viel Zeit und Energie in unsere Umsetzung des SecurIP-Protokoll investiert, und haben letztlich keine Partner für die Aufschaltung am Markt gefunden. Ganz bewusst vermarkten wir diese Lösung nicht, sondern wollen stattdessen den künftigen Standard für Meldungs- und Sprachübertragung per IP fördern....

Da müssen wir hin: SIP-Aufzugnotruf nach ELA-Standard

Ziel ist, sowohl die Meldungsübertragung als auch die Sprachkommunikation volldigital auf dem IP-Stack umzusetzen. Dabei dürfen auf dem Übertragungsweg keine zeitkritischen Protokoll-Töne (z.B. DTMF) mehr zum Einsatz kommen. Neben der Unabhängigkeit von speziellen Netzdiensten (VoLTE) ermöglicht dies z.B. eine Anbindung per Ethernet, zuverlässigere und schnellere Protokollübertragung sowie neue Funktionen.

Stand der Technik für den Aufbau einer IP-Sprachübertragung (VoIP) ist das SIP-Protokoll nach RFC 3261. Zusätzlich gibt es mit der TS 50134-9 einen Standard für die Meldungs- und Alarmübertragung innerhalb des SIP-Protokoll. Auf dieser Basis hat die WG TELCO der ELA im Februar 2024 eine entsprechende Information-Note herausgegeben, welche die spezifischen Meldungstypen zur Erfüllung der EN 81-28 definiert.

Wir müssen uns gemeinsam dafür einsetzen, dass diese Technologie bei Aufzugnotrufgeräten, auf dem Übertragungsweg und bei der Aufschaltung als “Standard” umgesetzt werden kann. Auch sollten sinnvolle Zusatzfunktionen wie z.B. der visuelle “Zwei-Sinne-Notruf” möglichst einheitlich integriert werden.

Unser Entwicklungsteam bei Telegärtner Elektronik arbeitet bereits seit 2023 intensiv an der nächsten Generation des IPG. Neben einem modularen Aufbau, entsprechender Rückwärtskompatibilität und einem erweiterten Cybersecurity-Konzept ist die konsequente Notrufübertragung nach TS 50134-9 mit ELA-Erweiterung dabei die wichtigste Neuerung. Wir suchen aktiv die Zusammenarbeit, insbesondere mit Entwicklern von Empfangssystemen, um gemeinsam Tests durchzuführen und die Aufschaltung möglichst sinnvoll und praxistauglich zu gestalten. Dabei erreichen wir bereits erste Fortschritte, für einen echten Standard müssen aber alle relevanten Übertragungslösungen das Protokoll unterstützen und implementieren.

Komponentenanbindung und Monitoring

Online per Ethernet

Damit nicht jede angebundene Komponente am Aufzug ihr eigenes Modem mit zusätzlicher Antenne und SIM-Karte braucht, sollten wir die Datenanbindung zentral lösen und auch angemessen absichern.

Dazu braucht es einen gemeinsamen Kommunikationsstandard, den wir im IP-Protokoll über Ethernet sehen. Wenn Komponenten Monitoring- oder Fernwartungsdaten per Ethernet übertragen können, dann kann die Anbindung ganz flexibel z.B. über vorhandene Netze oder einen Mobilfunk-Router erfolgen. Idealerweise stellt das Notrufgateway diesen Zugang über die vorhandene Mobilfunkanbindung zur Verfügung.

Auch wenn viele Komponenten diese Anbindung heute noch nicht unterstützen, liefern wir bei TGE ab 2026 jedes IPG mit integrierter Ethernet-Schnittstelle aus. Zusätzlich sind bei Nutzung der Siwaltec-SIM 100 MB Datenvolumen für die Anbindung einer Komponente inklusive.

Unsere nächste IPG-Generation wird neben erweiterten Router-Funktionen (wie z.B. Wireguard-VPN) auch die Cybersecurity-Anforderungen des Level "Essential" nach ISO 8102-20 berücksichtigen. Die IP-Anbindung per Ethernet ist Teil des Basisgeräts, welche optional mit der passenden Notruflösung erweitert werden kann.

Monitoring mit zentralem Status-Überblick

Es gibt heute bereits viele Komponenten, die ein Online Status-Monitoring unterstützen. Meist geschieht dies allerdings in einer spezifischen Cloud-Lösung des jeweiligen Komponentenherstellers. Was vielen Nutzern bisher fehlt, ist ein zentraler Überblick mit den wichtigsten Informationen über alle Anlagen hinweg, unabhängig von den eingesetzten Komponenten bzw. Herstellern. Das wird insbesondere dann relevant, wenn immer mehr unterschiedliche Komponenten bzw. Monitoring-Lösungen zum Einsatz kommen.

Wir haben bei TGE mit der Entwicklung von Lift-Link die Initiative ergriffen und gemeinsam mit den Unterstützern des Projekts die Anforderungen für eine entsprechende Lösung definiert. Auf dieser Basis haben wir die Portal-Lösung und eine offene Cloud-to-Cloud API-Spezifikation entwickelt, welche wir bis Jahresende unter freier Lizenz veröffentlichen werden. Bisher wurde die API mit Böhnke+Partner, Henning, Kollmorgen, KW, Masora, NEW Lift und TGE bereits von sieben relevanten Partnern implementiert und wir freuen uns damit zur Interlift in die Beta-Phase zu starten.

Lassen Sie uns offen sprechen

Kommen Sie gerne auf uns zu, falls Sie zu den aufgeführten Themen Ansatzpunkte sehen. Wir begrüßen jeden, der sich gemeinsam mit uns für offene und freie Standards engagiert, und freuen uns zugleich auf den persönlichen Austausch auf der Interlift.

Crailsheim, 06. Oktober 2025

Joachim Klingler
Leiter Produktentwicklung
Telegärtner Elektronik GmbH

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